Westerland

“Oooh, ich hab solche Sehnsucht, ich will zurück nach Westerland”. Diese poetische Zeile eines bekannten Liedes der besten Band der Welt hat bestimmt jeder schon mal vernommen. Und wir wissen jetzt schon, dass uns diese Sehnsucht bald wieder einholen wird. Aber noch haben wir einen Tag hier und den wollen wir genießen. Wir bringen die Fahrräder weg und essen erst einmal eine Kleinigkeit. Dann bummeln wir ein bisschen durch die Straßen und kaufen ein paar Andenken. Beim Diavolo, einem der begehrten Lokale auf der Friedrichstraße, sind zwei Plätze in der ersten Reihe frei. Diese Chance lassen wir uns nicht nehmen und lassen uns nieder.

Gute Gelegenheit, eines noch zu erwähnen: die Leute sind alle durch die Reihe weg total freundlich und die meisten haben immer einen lustigen Scherz auf den Lippen. Auch, wenn wir des öfteren beobachtet haben, wie die Bedienung zum hundertsten Mal erklärt, dass sich die Gäste bitte nicht direkt setzen, sondern warten, bis sauber gemacht worden ist und dass sie doch bitte ihren “Schnutenpulli” anziehen müssen. Also ich persönlich bin jetzt beim Schreiben schon wieder ganz kribbelig und genervt von diesen ignoranten Leuten, die es immer noch nicht mitgekriegt haben. Aber umso bewundernswerter finden wir es, wie freundlich und gelassen sie hier damit umgehen. Da nehmen wir uns mal ein Scheibchen von mit 😉 Wir beobachten also bei einem Kaffee die vorbei flanierenden Menschen. Herrlich! Könnten wir den ganzen Tag machen, das geht nu wirklich nirgendwo so gut wie hier. Aber eins wollen wir uns noch anschauen: Die Heimstätte der Heimatlosen.

Dieser Ort ist Hauptbestandteil der Gruselgeschichte, die wir gestern angefangen haben zu lesen. Dort wurden von Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts die unbekannten Toten begraben, die an den Stränden Sylts angespült wurden. Schon ein bisschen unheimlich. Wir sind gespannt, wie es weiter geht. Dann schlendern wir am Strand zurück. Es hilft ja nix, die Koffer müssen gepackt werden.

So jetzt müssen wir aber Schluss machen und noch ein bisschen Sehnsucht tanken. Wir haben einen Tisch im “Sunset Beach” ergattert.

Nur die Harten kommen in die Nordsee

Fünf Tage zuvor. Köln. Es ist der Abend vor der Abreise. Wir sitzen im “Fertig”, einem unserer Lieblingslokale in der Südstadt und stimmen uns auf unseren Urlaub ein. Da entspinnt sich folgender Dialog:

Björn: Hast Du eigentlich einen Bikini oder einen Badeanzug eingepackt?

Ranka: Nö, wieso? Sylter Welle hat doch eh zu, wegen C.

B: Ja, aber wir hatten doch ausgemacht, dass wir jeden Morgen in die Nordsee hüppen.

R: Waatt? Datt wüsst ich abba! Haben wir nicht!

B: Datt wüsst ich abba für Dich mit. Vor zwei, drei Wochen haben wir das beschlossen.

R: Nein haben wir nicht.

B: Doch, haben wir.

R: Nein.

B: Doch.

R: Nein.

B: Doch.

R: Nein.

B: Doch.

Zum Glück kommt irgendwann das Essen. Kaum zu Hause packe ich schnell noch resigniert meinen Bikini ein.

Zurück auf Sylt. Björn: Aaaaach, jetzt hab ich gar keine Badehose eingepackt…. Ich ziehe nur ganz kurz und kaum merklich, wirklich fast gar nicht zu sehen, die Augenbrauen hoch. Im Ernst, seine Schusseligkeit ist üüüüberhaupt kein Thema zwischen uns. Wir sind verheiratet! Das heißt, man liebt seinen Partner durch und durch. Mit all seinen kleinen Macken und liebenswerten Eigenartigkeiten. Gut, die 122 Stunden, die ich in unserer siebenjährigen Beziehung bisher mit z. B. Schlüssel suchen verbracht habe, die… ja, wie soll ich es sagen, die sind weg, fott. Die gibt mir ja keiner wieder. Aber was soll’s. Es waren 122 Stunden in Liebe verbundenes Suchen. Die nimmt mir keiner mehr! 🙂

Zurück zum Geschehen. Es ist kurz nach 10. In Björns Besitz befindet sich nunmehr seine 27. Badehose, die Sonne scheint – mal wieder unerwartet – es gibt keine Ausrede mehr. Wir machen uns also auf zum Weststrand. Nicht lang schnacken, sonst gibt das nix:

Hach, es war doch irgendwie cool. Wenn man sich überwindet und es einfach mal macht. Also ich weiß bestimmt für mich: es war ein EINMALIGES Erlebnis. Hallo, es ist Oktober! Da reicht einmal hüppen!

Nach dem Frühstück schwingen wir uns auch heute auf die Räder und fahren gen Osten. Keitum und Morsum. Auch schön. Hier ein paar Impressionen:

Hörnum

Kinder, Ihr glaubt nicht, was heute passiert ist. Wir haben den Tag mit einer Tasse Kaffee im Bett begonnen. Ja, Ihr habt richtig gelesen, im Bett! Ich schlug die Augen auf und da stand er vor mir, herrlich dampfend und duftend: der Kaffeepott. Dass ich das in diesem Urlaub noch erleben durfte, ich bin immer noch ganz hin und weg. Während Björn sich voller Tatendrang an den Strand begibt, um ein paar Fotos zu machen, gönne ich mir noch eine Tasse (im Bett natürlich) und lese auch endlich mal ein paar Seiten. Aber dieser 4. Oktober 2020 hat noch mehr in petto: die Sonne! Kein Wölkchen am Himmel, also heißt es nach einem Stündchen: raus aus den Federn und rein in den Wind. Ja, er ist natürlich auch wieder an Bord: unser Freund, der Wind. Gewohnt erfrischend bläst er uns entgegen. Eine kleine Variation zeigt er uns heute, er kommt von Süden. Immer noch beseelt und motiviert von dem Traumstart des Morgens, lassen wir uns dennoch nicht von unserer Idee abbringen. Wir satteln die Räder und machen uns auf nach Hörnum, dem südlichsten Ort der Insel. Zum Glück haben wir uns nicht abbringen lassen, denn… ach seht selbst:

Auf Sylt ist ja kein Weg wirklich weit und so schaffen wir auch mit ordentlich Gegenwehr die 17 km nach Hörnum. Der kleine blaue Punkt ward irgendwann natürlich nicht mehr gesehen, aber dafür hatte ich das Glück, ein, zwei Kilometer im Windschatten fahren zu dürfen. Das war schön. Auf einmal war da ein Jogger vor mir, der lief genau in meinem Tempo. Ich machte es mir also erstmal ein bisschen gemütlich. Bis zu einer kleinen Anhöhe bei Rantum. Da merkte ich auf einmal, dass er mir davon eilte. So nicht, mein Freund, dachte ich bei mir. Ich spuckte in die Hände und trat ordentlich in die Pedalen. Wie eine Bekloppte peste ich durch die Dünenlandschaft Sylts bis ich ihn irgendwann überholte. Gut, er hatte angehalten, um irgendwas auf seiner Fitnessuhr zu checken. Aber immerhin. Überholt. So, geht doch!

In Hörnum finden wir ein windgeschütztes Plätzchen und füllen die gerade überflüssigerweise verlorenen Kalorien mit einem Brötchen und einem Törtchen wieder auf. Der Rückweg ist ein Traum. Er hat nicht gedreht und so erinnern wir uns voller Zuneigung an unseren Freund, den Wind. Trägt er uns doch sanft und geruhsam nach Westerland zurück.

Ein bisschen nass geworden sind wir ja dann doch auf dem Rückweg und wärmen uns kurz in unserer Wohnung auf. Aber dann kommt die Sonne wieder raus und somit wir dann bald auch. Das wunderschöne Bistro “Sunset Beach”, welches wir am ersten Abend schon kennengelernt haben, liegt nur 3 min. von der Wohnung entfernt am Weststrand. Lustige Bedienung, leckere Getränke und ein traumhafter Blick auf die Nordsee. Ein würdiger Abschluss für einen herrlichen Urlaubstag.

Hinfahrt und Ankunft

Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, siebeneinhalb Stunden mit aufgesetzter Maske im Zug zu verbringen, aber die Aussicht von der Terrasse unserer Einkehrmöglichkeit entschädigt doch schon sehr.

Einfach herrlich, frische Nordseeluft zu atmen und gleichzeitig diesen Blick genießen zu können. 🙂