Nur die Harten kommen in die Nordsee

Fünf Tage zuvor. Köln. Es ist der Abend vor der Abreise. Wir sitzen im “Fertig”, einem unserer Lieblingslokale in der Südstadt und stimmen uns auf unseren Urlaub ein. Da entspinnt sich folgender Dialog:

Björn: Hast Du eigentlich einen Bikini oder einen Badeanzug eingepackt?

Ranka: Nö, wieso? Sylter Welle hat doch eh zu, wegen C.

B: Ja, aber wir hatten doch ausgemacht, dass wir jeden Morgen in die Nordsee hüppen.

R: Waatt? Datt wüsst ich abba! Haben wir nicht!

B: Datt wüsst ich abba für Dich mit. Vor zwei, drei Wochen haben wir das beschlossen.

R: Nein haben wir nicht.

B: Doch, haben wir.

R: Nein.

B: Doch.

R: Nein.

B: Doch.

R: Nein.

B: Doch.

Zum Glück kommt irgendwann das Essen. Kaum zu Hause packe ich schnell noch resigniert meinen Bikini ein.

Zurück auf Sylt. Björn: Aaaaach, jetzt hab ich gar keine Badehose eingepackt…. Ich ziehe nur ganz kurz und kaum merklich, wirklich fast gar nicht zu sehen, die Augenbrauen hoch. Im Ernst, seine Schusseligkeit ist üüüüberhaupt kein Thema zwischen uns. Wir sind verheiratet! Das heißt, man liebt seinen Partner durch und durch. Mit all seinen kleinen Macken und liebenswerten Eigenartigkeiten. Gut, die 122 Stunden, die ich in unserer siebenjährigen Beziehung bisher mit z. B. Schlüssel suchen verbracht habe, die… ja, wie soll ich es sagen, die sind weg, fott. Die gibt mir ja keiner wieder. Aber was soll’s. Es waren 122 Stunden in Liebe verbundenes Suchen. Die nimmt mir keiner mehr! 🙂

Zurück zum Geschehen. Es ist kurz nach 10. In Björns Besitz befindet sich nunmehr seine 27. Badehose, die Sonne scheint – mal wieder unerwartet – es gibt keine Ausrede mehr. Wir machen uns also auf zum Weststrand. Nicht lang schnacken, sonst gibt das nix:

Hach, es war doch irgendwie cool. Wenn man sich überwindet und es einfach mal macht. Also ich weiß bestimmt für mich: es war ein EINMALIGES Erlebnis. Hallo, es ist Oktober! Da reicht einmal hüppen!

Nach dem Frühstück schwingen wir uns auch heute auf die Räder und fahren gen Osten. Keitum und Morsum. Auch schön. Hier ein paar Impressionen:

Watt wär’n wa ohne Watt

Tja, watt wär’n wa da? Wahrscheinlich immer noch dieselben, aber auf jeden Fall um ein schönes Erlebnis ärmer. Ja, Ihr ahnt es wahrscheinlich schon: wir haben heute eine Wattwanderung gemacht. Das erste Mal für uns beide. Herrlich, aber warum denn bitte so früh? Jetzt haben wir endlich die passenden Kaffefilter zu unserem Kaffee und trotzdem gehen wir schon wieder aus dem Haus, ohne einen getrunken zu haben. Schließlich müssen wir den Bus um 7:41 kriegen. Und das nennt sich dann Urlaub….

Treffpunkt ist Vogelkoje Kampen. Es erwartet uns ein veritabler Ostwind (da isser wieder). Windstärke 6, wie uns unser einheimischer Wattwanderführer später erzählen wird. Da ist die Müdigkeit schnell verflogen. Wir ziehen unsere Schuhe aus, und rein in das matschige Vergnügen.

Werner – so heißt unser Wattwanderführer – ist ein lustiger Geselle und weiß so einiges interessantes zu berichten. Seine Leidenschaft für das Watt – immerhin Unesco Weltnaturerbe – ist offensichtlich. In List geboren und der dänischen Minderheit angehörend, versichert er uns, dass wir alle nach dem dritten Wein fließend dänisch sprechen können.

Meersalat. Schonmal gehört? Wir bis heute nicht. Sieht wunderhübsch aus in seinem satten grün. Aber muss man denn alles mitmachen? Nö. Wir machen es trotzdem. Lassen uns auch von den warnenden Worten des Wattwanderführers Werner (diese Alliteration konnte ich mir jetzt nicht entgehen lassen) nicht abhalten und beißen beherzt hinein. Ja, der Werner kennt sich eben aus: “Meersalat schmeckt wie salzige Plastiktüte.”

Auch der Wattwurm darf natürlich nicht fehlen. Mit kundigem Blick ausgegraben und einmal rumgereicht. Nee, den fass ich jetzt aber nicht an. Man muss eben NICHT alles mitmachen, oder etwa doch? 😉

Um 11 sind wir wieder zurück in der Wohnung. Endlich Kaffee und Frühstück! Guck mal, da ist es noch nicht mal Mittag und wir haben schon so viel erlebt. Ich versteh ja die Leute nicht, die im Urlaub immer bis in die Puppen schlafen… Der frühe Vogel fängt den Wattwurm, hihi.

Übrigens ist ja heute nicht nur unser Tag der ersten Wattwanderung. Es ist der 3. Oktober, Tag der deutschen Einheit. Watt wär’n wa ohne den 3. Oktober ist ja die viel wichtigere Frage. Da wären wir auf jeden Fall nur halb. Und darum feiern wir ihn heute, den 3. Oktober, die Einheit. Zum dreißigsten Mal schon. Wow!